Einfluss von Overconfidence und Optimismus von Finanzvorständen auf ihre Kapitalstrukturentscheidungen

Aachen / Publikationsserver der RWTH Aachen University (2009) [Doktorarbeit]

Seite(n): X, 274 S. : graph. Darst.

Kurzfassung

Wenige Themen im Bereich der Corporate Finance sind so intensiv erforscht worden wie die Frage, wie Unternehmen ihre Kapitalstruktur wählen. Allerdings ist die Kapitalstrukturtheorie trotz intensiver Forschung über fast fünf Jahrzehnte immer noch eines der am kontroversesten diskutierten Themen der Unternehmensfinanzierung. Keiner der entwickelten theoretischen Ansätze liefert eine umfassende Erklärung für die Finanzierungsstrategie von Unternehmen. Deshalb besteht der Ansporn für Forscher darin, die Kapitalstrukturtheorie weiter zu verfeinern und die bereits entwickelten Ansätze unter verschiedenen Bedingungen zu testen. Vor diesem Hintergrund ist eine Reihe von verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen entstanden, die die Rationalitätsannahme der handelnden Individuen aufgeben. Bertrand und Schoar weisen z. B. nach, dass sich durch die Berücksichtigung der handelnden Person der Erklärungswert in der Regression auf die Fremdkapitalquote steigern lässt. Welche Merkmale der einzelnen Manager im Detail dabei welchen Einfluss auf die Entscheidungen für die Kapitalstruktur haben, ist bisher allerdings empirisch nicht erklärt. Mit der vorliegenden Arbeit wird ein erster Schritt in diese Richtung getan. Der Einfluss der Persönlichkeitsmerkmale Overconfidence und Optimismus von Führungskräften auf ihre Kapitalstrukturentscheidungen wird empirisch untersucht. Darüber hinaus soll beleuchtet werden, ob diese Persönlichkeitsmerkmale einen zusätzlichen Erklärungsbeitrag über die klassische Kapitalstrukturtheorie hinaus liefern. Die Hypothesen basieren auf dem theoretischen Ansatz von Hackbarth (2004). Demnach wählen Manager mit Overconfidence und Optimismus höhere Fremdkapitalquoten und kürzere Fristigkeiten. Sie beschränken sich damit effektiver als rationale Manager darin, ihre Eigennützigkeit auszuleben und freie Cashflows zu verschwenden. Daher haben diese Persönlichkeitsmerkmale einen positiven Effekt auf den Unternehmenswert. Die empirische Überprüfung erfolgt anhand einer Befragung von 469 Finanzvorständen von deutschen an der Frankfurter Börse gelisteten Unternehmen. Für die Auswertung stand ein Paneldatensatz von 152 Finanzvorstandsjahren, verteilt auf 32 Finanzvorstände, tätig in 33 Unternehmen zur Verfügung. Für die Schätzung wurde die Methode der kleinsten Quadrate (KQ-Methode) gewählt. Zur Überprüfung der Robustheit der Ergebnisse wurden darüber hinaus drei weitere Schätzer verwendet, die die Panelstruktur der Daten berücksichtigen. Dies sind der Zufällige-Effekte-Schätzer, der Feste-Effekte-Schätzer und die Methode der Feste-Effekte-Vektor-Dekomposition. Die Ergebnisse bestätigen den Einfluss von Overconfidence von Finanzvorständen auf ihre Kapitalstrukturentscheidungen. Die Overconfidence des Entscheiders führt dazu, dass dieser höheren Leverage und kürzere Fristigkeiten des Fremdkapitals wählt. Aufgrund der Berücksichtigung der Overconfidence des Finanzvorstandes kann zudem ein größerer Teil der Varianzen von Leverage und der Fristigkeit des Fremdkapitals in Unternehmen erklärt werden als allein mit den traditionellen Einflussfaktoren der Corporate-Finance-Literatur. Der Optimismus des Entscheiders führt jedoch nicht dazu, dass dieser höheren Leverage und kürzere Fristigkeiten des Fremdkapitals wählt, und erhöht auch nicht den Erklärungsbeitrag über die Faktoren der klassischen Kapitalstrukturtheorie hinaus. Neben diesen Hauptergebnissen liefert die Untersuchung weitere Erkenntnisse über die beiden Persönlichkeitsmerkmale Overconfidence und Optimismus. Sie beeinflussen einander nicht gegenseitig, sondern sind eigenständige Merkmale. Overconfidence und Optimismus werden auch nicht durch andere persönliche Eigenschaften beeinflusst. Weder das Alter der Finanzvorstände noch die Art der Ausbildung wirken auf die beiden Merkmale Overconfidence und Optimismus. Einzelne äußere Faktoren, die die individuell wahrgenommene (Un-)Sicherheit verändern, haben dagegen Auswirkungen auf die Overconfidence und den Optimismus von Finanzvorständen. Die in der Korrelationsanalyse signifikanten Zusammenhänge der Firmengröße und der Fristigkeit der Aktiva mit der Overconfidence und dem Optimismus der Finanzvorstände lassen sich auf die Veränderung der individuell wahrgenommenen (Un-)Sicherheit zurückführen und sind konsistent mit Erkenntnissen aus früheren Untersuchungen. Die Ergebnisse dieser Arbeit dienen insbesondere Aufsichtsräten oder ihren Beratern bei der Auswahl des Top-Managements für Unternehmen zur besseren Analyse der Persönlichkeit der Kandidaten und zur Differenzierung der Eigenschaften der Bewerber in Bezug auf den Verantwortungsbereich. Daneben haben die Ergebnisse aber auch direkte Auswirkungen für die Finanzvorstände von Unternehmen. Denn sie unterstützen Finanzvorstände darin, ihre eigenen Entscheidungen exakter zu treffen und aus den Konsequenzen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Insbesondere ermöglichen sie es, den Einfluss der eigenen persönlichen Eigenschaften auf die Kapitalstrukturentscheidungen transparenter zu machen. Bezüglich der Kapitalstrukturtheorie belegt diese Arbeit, dass verhaltenswissenschaftliche Aspekte bei der Erklärung der Kapitalstruktur eine relevante Rolle spielen. Im Speziellen kann durch die Berücksichtigung der Overconfidence des Finanzvorstandes ein größerer Teil der Varianz von Leverage und der Fristigkeit des Fremdkapitals erklärt werden als allein mit den traditionellen Einflussfaktoren der Corporate-Finance-Literatur. Die Overconfidence des Top-Entscheiders sollte daher bei der Erklärung von Kapitalstrukturentscheidungen in Unternehmen stets mit berücksichtigt werden.

Autorinnen und Autoren

Autorinnen und Autoren

Kasch, Michael Georg

Gutachterinnen und Gutachter

Brettel, Malte

Identifikationsnummern

  • URN: urn:nbn:de:hbz:82-opus-27115
  • REPORT NUMBER: RWTH-CONV-113233