Ethical and responsible behavior in applied empirical research: four essays on academic practices in the social sciences

Pruschak, Gernot; Hopp, Christian (Thesis advisor); Piller, Frank Thomas (Thesis advisor)

Aachen : RWTH Aachen University (2021)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2021

Kurzfassung

In einer Welt voller Fake News und Alternative Facts ist das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft von größter Bedeutung. Skandale wie jene um Diederik Stapel und Ulrich Lichtenthaler haben jedoch die Integrität der Wissenschaftler und ihrer Forschungsergebnisse in Frage gestellt. Es ist deshalb nicht überraschend, dass sich schon viele Wissenschaftler mit den unterschiedlichsten Formen akademischen (Fehl-)Verhaltens wie z.B. Plagiate, HARKing, Autorenstreitigkeiten und flexible Datenhandhabungen auseinandersetzten. Deren Ergebnisse waren Großteils verheerend und lösten eine Glaubwürdigkeitskrise aus, insbesondere in den Sozialwissenschaften. Um diese Krise zu überwinden haben als Redakteure, Verleger, Forschungsgesellschaften und Universitäten schon begonnen, Tools und Prozesse einzuführen, die ethisches und verantwortungsbewusstes wissenschaftliches Verhalten und Publizieren gewährleisten sollen. Beispielsweise ermöglichten es die rasanten Weiterentwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz, dass Plagiatsprüfsoftwares nicht nur Copy-Paste Plagiate, sondern auch Ähnlichkeiten bei Inhalten und Referenzen erkennen können. Darüber hinaus forcieren immer mehr Zeitschriften die Vorab-Registrierung von Studien, um HARKing zu unterbinden. In den Lebenswissenschaften müssen Autoren in Contribution Disclosures angeben, welche Personen an welchen Schritten eines Forschungsprojekts beteiligt waren. In den Sozialwissenschaften zeigen kürzlich publizierte Werke auf, wie transparente Berichterstattung und Open Data die Erkennung flexibler und fragwürdiger Datenverarbeitungspraktiken ermöglichen und somit Replizierbarkeit erreicht werden kann. Diese Dissertation baut auf der vorhandenen Literatur auf und bietet Leitlinien für jene akademischen (Fehl-)Verhalten an, die bisher den Sozialwissenschaften nur rudimentär behandelt wurden. Essay 1 befasst sich mit den Themen Honorary und Ghost Authorship, den beiden berüchtigtsten Formen von Autorenschaftsdisputen. Wir zeigen, dass eine starke Diskrepanz zwischen tatsächlichen und hypothetischen Autorenzuweisungen existiert: Während die meisten Sozialwissenschaftler in unserer Umfrage die Autorenschaft in drei hypothetischen Szenarien korrekt zuweisen konnten, enthielt mehr als jede dritte von denselben Personen verfasste Publikation mindestens einen Honorary Author. Wir schließen daraus, dass Faktoren wie z.B. hierarchischer Druck Wissenschaftler dazu motivieren, beitragsschwache Vorgesetzte und Kollegen in ihre Autorenlisten aufzunehmen. Um dieses Problem zu lösen, fordern wir sozialwissenschaftliche Zeitschriften dazu auf, ihren Kollegen in den Lebenswissenschaften zu folgen, indem sie ebenfalls Contribution Disclosures einführen und Whistleblowing-Plattformen implementieren. Essay 2 fragt, ob sich wissenschaftliche Kooperationen und Autorenteams zwischen verschiedenen akademischen Disziplinen, geografischen Regionen, Berufserfahrungen und Berufspositionen unterscheiden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verbreitung von Artikeln mit mehreren Autoren auch innerhalb der Sozialwissenschaften erheblich variiert. Darüber hinaus weisen wir darauf hin, dass Sprachbarrieren und infrastrukturelle Herausforderungen Auswirkungen auf akademisches Zusammenarbeiten besitzen. Diese Ergebnisse enthalten wichtige Implikationen für Berufungs- und Tenure-Verfahren, da Ausschüsse diese Unterschiede beim Vergleich von Bewerbern mit unterschiedlichem Hintergrund berücksichtigen müssen. Essay 3 resultiert aus der Notwendigkeit der Förderung von Reproduzierbarkeit und Replikation in den Sozialwissenschaften. Wir bieten eine praktische Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Durchführung einer Replikationsstudie indem wir die Ergebnisse von Kuhn und Weinberger (2005) direkt replizieren. Der originale Artikel zeigte, dass weiße Männer, welche Führungspositionen in der High School innehatten elf Jahre später höhere Löhne erhielten. Im Anschluss an die erfolgreiche direkte Replikation untersuchen wir die Kausalität dieses Effekts mithilfe von Propensity-Score-Matching und drei verschiedener Techniken Instrumenteller Variablen. Darüber hinaus geht die Analyse über die ursprüngliche Stichprobe hinaus und untersucht die Auswirkungen für weiße Frauen und Nicht-Weiße. Des Weiteren beziehen wir uns auch auf Daten aus einer 50 Jahre später durchgeführten Folgestudie. Deren Ergebnisse zeigen, dass weiße Männer, die sowohl Team Captain als auch Club President in der High School waren, auch 50 Jahre später höhere Löhne erhielten. Dieser Effekt tritt aber nicht weißen Frauen oder Nicht-Weißen auf. Basierend auf diesen Resultaten sollten daher Führungsinterventionen möglichst früh starten. Es ist also wichtig schon in Jugendlichen die Führungsqualitäten zu erkennen und diejenigen Bereiche identifizieren, die einer weiteren Entwicklung bedürfen. Dabei muss man sich unterschiedlicher Ansätze behelfen, um Personen unterschiedlichen Geschlechts und unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit bei der Entwicklung von Führungsqualitäten spezifisch adressieren zu können. Die gründlichen Analysen in Essay 3 waren nur möglich, weil wir Zugriff auf die im originalen Artikel verwendeten Daten hatten. Leider zeigt Essay 4, dass dies eher eine Ausnahme als die Norm darstellt. So stellten wir im Rahmen der Untersuchung von Data Sharing bei Innovationsmanagementforschern fest, dass nur etwa ein Drittel deren Datensätze öffentlich verfügbar sind. Wir konzentrieren uns speziell auf Innovationsmanagementforscher, da wir ursprünglich erwartet hatten, dass sie besonders responsiv für Open Data sind, da sie die Vorteile der Offenheit von Organisationen gegenüber Unternehmen und anderen Interessengruppen befürworten. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass die identifizierten individuellen Anreize für den offenen Datenaustausch die Nachteile der einzelnen Forscher, die diese aufgrund von Data Sharing erleiden, nicht ausgleichen können. Infolgedessen fordern wir akademische Impulse, die dem Datenaustausch mehr Anerkennung zollen, und Journalrichtlinien, die den Datenaustausch als zwingende Voraussetzung für Publikationen vorsehen. Zusammenfassend hebt diese Dissertation hervor, dass Wissenschaftler, Zeitschriften, Forschungsgesellschaften und Universitäten ihre Gewohnheiten, Anreize und Verhaltensweisen ändern müssen, insbesondere in den Bereichen wissenschaftlicher Urheberschaft und Datenpraktiken, um Integrität der wissenschaftlichen Forschungsprozesse sicherzustellen. Darüber hinaus skizziert dieses Werk detaillierte Lösungen, um diese Änderung zu steuern und ethisches und verantwortungsbewusstes Verhalten in der angewandten empirischen Forschung sicherzustellen. Nur so können wir das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wissenschaft zurückgewinnen.

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